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Sturm

sturm11Die Warnungen waren eher verhalten, das Verhalten der Bevölkerung gestern Abend auch. Kein Wunder wurde in der Vergangenheit so manches laue Lüftchen zur größten Unwetterkatastrophe durch die Medien aufgeblasen. Nur diesmal war es wirklich heftig. Kurz vor dem Ende des Tatortes ging es gestern Abend los. erst mit sehr starkem Wind, dann mit fürchterlichem Geblitze, gefolgt von heftigem Regen. Mein Balkon hatte so gut wie nichts abbekommen und auch in der Nachbarschaft war es zu keiner nennenswerten Beschädigung, außer diesen zwei abgeknickten Bäumen gekommen. Das war der erste Eindruck nach der kurzen Balkonispektion heute morgen. Der Blick, gestern Abend nach dem Regen ließ mich eine überflutete Gelsenkirchener Straße wahrnehmen, aber nach ein paar Minuten ist bestimmt wieder alles abgelaufen, die Kanalisation braucht eben einige Zeit. Soweit alles im Lot.

Das eben nicht alles im Lot war, zeigte mir der Blick nach links, als ich heute morgen aus der Haustür, auf die Straße trat. Die war ab der nächsten Ecke unpassierbar, gleich mehrere Äste, ja ganze Bäume versperrten den Weg. Sämtliche Straßenbahnen fuhren in Essen nicht, auch jetzt um 15 Uhr verkehrt noch keine einzige Linie. Bei den U-Bahnen sieht es wohl etwas besser aus, der Linienverkehr wird wohl eingeschränkt funktionieren. Bei den Bussen hängt wohl vieles von den Arbeiten auf den Straßen ab, wie weit die Feuerwehr und das THW die asphaltierten Wege frei bekommen. Es wird wohl stündlich besser. Sicher, es ist für einzelne ärgerlich, wenn das eigene Auto unter großen Ästen mit eingeschlagenen Scheiben liegt, aber es ist nichts, was sich nicht durch Versicherungsleistungen und etwas Geduld beheben lässt. Insgesamt eine nicht befriedigende Situation, aber mit etwas Gelassenheit lässt sich das ertragen. Auf jeden Fall ein gutes Thema für die Medien, das Vakuum vor der Weltmeisterschaft mit zahlreichen Berichten, Fotostrecken und Sondersendungen im TV aufzubessern. Endlich mal wieder ein ZDF-Spezial und einen ARD Brennpunkt. Die Themen in den nächsten Talkshows stehen seit heute auch fest, es wird um wirksamen Schutz gehen, was jeder einzelne dafür tun kann oder muss. Experten unterschiedlichster Herkunft werden ausgegraben, Politiker versprechen Besserung und wenn wir Glück haben, bekommen wir die Telefonnummer einer Spendenhotline eingeblendet, damit die nicht Betroffenen sich guten Gewissens an den Schicksalsschlägen hier in NRW beteiligen können. Insgesamt ist die Spendenbereitschft direkt nach solchen Ereignissen ja besonders hoch.

In spätestens zehn Tagen wird alles wie immer sein, die öffentlichen Verkehrsmittel fahren wieder planmäßig, die Straßen wurden vom Geäst und Schlamm befreit, die Politiker haben ihre sowieso nicht ernstgemeinten Aussagen wieder vergessen und die Medien warten auf das nächste „Großereignis“. So wird es wieder ablaufen. Doch dieses Mal ist mir aufgefallen, das es eine kleine Insel gibt, auf die das alles nicht zutrifft. Die Zeche Zollverein strahlte heute Morgen wieder in der Sonne, schon um 10 Uhr war kein Blatt mehr auf dem gepflegten grünen Rasen zu sehen, eine Kehrmaschine polierte die Zufahrtswege und Sicherheitskräfte in schicken, grauen Anzügen mit Knopf im Ohr überwachten alles. Dafür gibt es ein Grund, den mir ein netter Mitarbeiter von Zollverein auf meine Frage hin bestätigt. Es werden Gäste erwartet, Personen aus Wirtschaft und Politik, die Häppchen zum Empfang sind schon fertig und stehen bereit in Halle 6. Dafür ist aber noch die Kreuzung 300 m weiter in eine Richtung gesperrt, weil die Kräfte fehlen um sie zu räumen. Und wenn Herr Putin mal über Sanktionen nachdenkt um unsere, sich der Sanktionsrethorik bedienenden Politiker anschießt, im Winter, wenn es kalt wird, weiß ich jetzt, wer nicht frieren wird, die Honoratioren aus Politik und Wirtschaft.

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