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Armes Vaterland

wm10Wir stehen ja unmittelbar vor der Eröffnung der WM, in ein paar Stunden ist es soweit. Die Elitekicker der teilnehmenden Nationen messen ihre Kräfte auf dem Rasen, erst in drei Gruppenspielen, dann in der K.O. Runde, notfalls mit Verlängerung und Elfmeterschießen (der Graus eines jeden Engländers).

Also ist es an der Zeit, für die Abgeordneten wieder Überstunden zu schieben und unliebsame Gesetze im Bundestag zu verabschieden, fast völlig unbemerkt von der Bevölkerung, die sich im kollektiven Rausch des Fußballfestes befinden wird, wahrscheinlich wird der Jubel noch von massiven Einsatz Ausgabe von Alkohol unterstützt. Die moderne Form von „Brot und Spiele“.

Jeder will auf den Zug aufspringen, denn so eine WM findet ja nur alle vier Jahre statt und verspricht gigantische Umsätze. Davon partizipieren möchte auch der Discountmarkt neben dem Weltkulturerbe Zollverein, mir fast gegenüber. Seit Wochen werden schon Spielgelkappen oder Fensterfahnen als Aktionsware feilgeboten, ergänzt durch Hawaiketten für den Innenspiegel und Tankdeckelkappen in den Farben der nationalen Flagge. Für den persönlichen Bedarf gibt es dann den Wangenschmincker min schwarz, rot, gold und Hüte und Mützen, die von mir noch nicht einmal getragen würden, wenn ich Nachts über den Hof zum Klo müsste. Shirts in allerbilligster Qualität und garantiert luftundurchlässig sollen dem gemeinen Fan das Gefühl vermitteln, nach 10 Minuten zuschauen genauso verschwitzt zu sein, wie die auf dem Grün kickenden Idole.  Ein Gewinner steht jetzt schon fest, die asiatische Bekleidungs- und Fanartikelherstellungsindustrie. Hauptsache in traditionellem weiß und mit farblichen Applikationen in den Landesfarben. Die Bürger mit Migrationshintergrund werden natürlich in dem Trikot mit dem Halbmond gewandet sein, aber trotzdem jeden deutschen Treffer frenetisch bejubeln und die führenden Positionen im Autokorso nach jedem vaterländischen Sieg einnehmen. Die Vorteile der doppelten Staatsbürgerschaft sind eben nicht von der Hand zuweisen.

Perfekt in der Zeitplanung, versucht der schon erwähnte Discounter nun die zweite Stufe der Umsatzsteigerung zu zünden, und hat weiter zahlreiche Artikel ins Sortiment genommen, die Kaufzurückhaltung des Volkes brechen sollen und viele Euronen in die Kasse spülen sollen. wm03Dabei kennen die Marketingabteilungen der jeweiligen Unternehmen keine Grenzen mehr, zumindest was die Authentizität der konzerneigenen Produkte in Bezug auf das anstehende, fußballerische Großereignis betrifft, oder sollte ich schreiben, Mega-Event. Die kalkulierte Gewinnmarge wird aber wohl nur erreicht, wenn das Team des führerscheinlosen Trainers möglichst weit kommen wird, ein Ausscheiden in der Vorrunde wirkt sich fatal auf die Umsätze und die Einschaltquoten aus. Von den plötzlich wegbrechenden Umsätzen der Public-Viewing-Gastronomie ganz zu schweigen. Auch die Abgeordneten müssen sich beeilen und sollten schon die erste Verlängerung der Elf nutzen und lieber noch ein Gesetz mehr in einer Eilabstimmung durchwinken, sicher ist sicher.

Aber zurück zu den zahlreich angebotenen Fanartikeln, die von Grillfleisch und Partybier für die daheim gebleibenen grillenden richtet. Damit die Kinder ruhig sind, gibt es Eis, Fruchtgummi in den Landesfarben und Knabbergebäck der Marke „Golden Goal“, nur keine Störung der Kleinen wärend der Spielzeit. Selbst für an die verschwitzten Zuschauer wurde gedacht, schnell eine Dusche, mit der Fanedition und ein neues, frisches Oberteil, dann ist er fit für das Schlandspiel. Die Weltmeisterschaft steht ganz im Zeichen der nationalen Gefühle, so wie eben bei der letzten Europawahl. Dabei wären ein paar Sorten belgisches Konfekt, oder holländische Fritten doch nicht schlecht. Die Franzosen kommen mir bei den Angeboten auch deutlich zu kurz, zumal sie ja wirklich über exclusive Lebensmittel verfügen und über guten Wein, da ist ja bekannt. Vielleicht spielt aber auch bei der Auswahl der Artikel das abgekühlte Verhältnis der beiden Nationen eine Rolle, wer weiss das schon. Auch Italien kommt zu kurz, keine weiss-grün-rot Nudeln mit passender Pastasoße, die unsere Kicker bei dem nächsten Aufeinandertreffen wieder alt aussehen lässt. Auch eine WM ohne kroatisches Cevapcici ist fast nicht vorstellbar. Und das Land des amtierenden Weltmeisters, nicht, gar nichts. dabei hätte es die Lebensmittelindustrie doch so nötig, nach den ganzen Spardiktaten. Genauso wie Griechenland, kein leckeres Joghurt oder Feta und die Heimat unseres ersten Gruppengegners wurde auch völlig außer Acht gelassen. Das muss also dieses multikulturelle sein, wovon die deutsche Politik immer schwärmt.


Verdrängt wird alles Negative, auch das ein Großteil der Bevölkerung im austragenden Land gar nicht für die Großveranstaltung ist, weil sie vertrieben wurden as ihren ohnehin schon kargen Hütten, weil die finanziellen Mittel nicht zu Verbesserung der Lebenssituation der Bürger eingesetzt wurden, sondern für die Renovierung und den Neubau von Stadien. Kritik macht sich breit, schon seit Wochen, in immer kürzeren Abständen. Rollrasen statt Gesundheitsversorgung hätte auch ein Motto dieser WM sein können.

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