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Ostfriesiche Weihnachten

Als Junggeselle habe ich mich fast jeder Pflichten zu Weihnachten entledigt, es gibt etwas gutes zum Abendessen, vielleicht noch das eine oder andere edle Getränk und das war es auch schon. Einfach, zeitsparend und vor allem, es verwüstet die Wohnung nicht. Keine Geschenke für mich, keine Geschenke für andere, einfache Regel, die jeglichen Einkausfstress in der weihnachtlichen Zeit erspart, gerade weil in diesen Tagen die letzten Verrückten aus ihren Löchern gekrochen kommen.

Vor langer Zeit, es waren tiefste Neunziger und Schalke 04 wusste noch nicht, dass sie in ein paar Jahren den größten Triumph ihrer Vereinsgeschichte, den UEFA Cup Sieg schaffen werden. Mein Lebensumfeld, also Leben und Arbeit befand sich in einer Ostdeutsche Metropole, die auch erst seit ein paar Jahren ARD frei empfangen konnte. Die Winter waren noch kalt, das Weihnachtsgeld für Arbeitnehmer gehörte noch zum guten Ton und Schnee gab es auch noch, wenn auch nicht unbedingt zu dem christlichen Fest. In der Fremde ist es oft so, dass bestimte Landsmannschaften einfach zusammenhalten, weil die Sitten und Gebräuche in Deutschland nun mal verschieden sind. Norddeutsche, betont wortkarg, Spötter behaupten, sie könnten sich untereinander unterhalten, mir wenigen Worten und verstünden sich dabei hervorragend. Es gibt ja Gegenden in Norddeutschland, da wird jeder, der die ortsübliche Begrüßung mit „Moin, Moin“, also doppelt ausspricht, schon als Vielschwätzer abgestempelt. Einmal reich völlig aus, alles Andere ist Verschwendung von kostbarer Lebenszeit und überproportionaler Abnutzung der Stimmenbänder. An so ein Exemplar bin ich geraten. Was aber dem guten Verständnis untereinander keinen Abbruch tat. Gemeinsam wurden die Abende mit viel Spaß verbracht, es wurden Veranstaltungen aufgesucht und es war alles im harmonischen Einklang, bis zu dem Zeitpunkt, da sich das Fest des großen Einzelhandelsumsatz nährte.

Ich fahre über Weihnachten nach Hause, was machst Du?“ kam eines Abends die Frage an mich. „Nix.“ so meine knappe, aber vollkommen ausreichende Antwort. Damit war ich der Meinung, dieses Thema hat sich erledigt, aber ich hatte mich geirrt. „Du machst wirklich nichts?“ vernahmen meine Ohren ein paar Tage später an irgendeiner Theke in einer schummrigen Kneipe und ich ahnte, dass ich heute nicht gut aus diesem Dialog herauskommen würde. „Du kaufst auch keine Weihnachtsgeschenke? Ich habe Dir schon was gekauft!“ drang es wieder an meine Lauschlappen. Eine Frage und ein Satz, der nicht einfach mit zustimmendem Nicken zu beantworten ist, hier ist Konversation gefragt, mit einem bestimmten Niveau, um das Schlimmste, ich muss Weihnachtsgeschenk kaufen, noch abwenden konnte. Aber dieses „…ich habe Dir schon etwas gekauft“ ließ mich erahnen, ich war wieder drin, in diesem Teufelskreis aus vollen Geschäften, Kassenschlangen und unnützen Geldausgaben, da konnte ich mich winden, herumdrehen, es war unmöglich, mein ruhiges Weihnachtsfest so wie in den vergangen Jahren zu begehen, völlig losgelöst von sämtlichen Konsumzwängen. „Ich gebe dir mein Geschenk für Dich am Abend bevor ich nach Hause, nach Ostfriesland fahre, da kann ich mein Geschenk dann auch gleich mitnehmen.“ Das klang nach vollendeten Tatsachen. Widerstand zwecklos, Zuwiderhandlungen werden mit sofortigen Erschießungen geahndet, keine Verteidigung, keine gerichtliche Anhörung, einfach zu diesem Zeitpunkt, Gefangene werden nicht gemacht!

Du glaubst doch nicht im Ernst, das ich Dir das Geschenk eine Woche vor dem heiligen Abend, mitgebe, bei Deiner Neugier, überlebt die Verpackung noch nicht einmal die Autobahnauffahrt und beim nächsten Stau, hast du mir sämtliche Überraschung verdorben, denn Du weißt ja schon was Du von mir zu Weihnachten bekommst!“ so meine Antwort an ein überaus neugieriges Ostfriesenmädel, natürlich mit dem Hintergedanken, mir noch ein paar Tage Zeit zu verschaffen um etwas ansehnliches aus den übervollen Geschäften zu schleppen um der nahenden Blamage zu entgehen.

Meine Rechnung ging aber nicht auf. Es trat das Gegenteil von dem ein, was ich sehnlichst erhofft hatte. Statt Ruhe und ein gepflegter Kneipenabend gab es jetzt eine Unterhaltung über ein noch nicht vorhandenes Weihnachtspräsent! Wie konnte ich es zulassen, das so etwas meinen ruhig geplanten Abend dermaßen aus dem Ruder laufen lässt. „Ach so, Du hast es schon gekauft? Was ist es denn? Ist es groß?“ Diese Fragen schossen aus dem rotgeschmikten Mund zu meiner Rechten. Mir schwane Böses, ganz viel Böses und ich sollte Recht behalten. „Ist es schwer?“ wurde gleich noch hinterhergeschoben, gefolgt von „Welche Form hat es denn?“ Mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht klar, welche Fragen jemand stellen kann, um an Informationen über ein noch nicht gekauftes Weihnachtsgeschenk zu kommen. Das ich noch nichts gekauft hatte, sollte besser mein Geheimnis bleiben, welches, wenn es an diesem Abend gelüftet würde, mein sofortiges Ableben zu Folge hätte, auf eine ganz grausame Art, die sicherlich meine Fantasie in Bezug auf Tötungsarten übersteigen würde. Klappe halten, war die Devise für den Rest des Abends um wenigstens heil nach Hause zu kommen. Ich würde eine schlechte Nacht vor mir haben, mit wenig Schlaf, denn eine Lösung musste her und nicht nur das, auch ein Geschenk, was gemäß den Traditionen dieser ostfriesischen Familie unter der Nordmanntanne einen angemessenen Platz finden würde. Nur was? Es war davon auszugehen, das in den kommenden Nachtstunden meine Gehirnwindungen zu gigantischen Leistungen fähig sein mussten, von Ruhe und Erholung konnte keine Rede sein. Erschwerend kam noch die Neugierde meiner Begleiterin hinzu, die mich auch jetzt noch, zu dieser späten Stunde sehr wachsam sein ließ um nicht doch noch einem Unfall zum Opfer zu fallen. Barhocker haben schon eine große Fallhöhe und der Aufprall auf einem harten Gasstättenboden ist bestimmt sehr schmerzhaft, besonders wenn auch der Kopf auch auf dem Boden aufschlägt, an die unmittelbar folgenden Tritte mit spitzen Damenschuhen in meine Rippengegend möchte ich nicht unbedingt erleben. Bestimmte Damenschuhe können Waffen sein, da war ich mir sicher.

Das Huhn hier ist für Sie?“ rettete mich die brünette Servierkraft mit dem kurzen, schwarzen Schürzchen, das sie um ihren Bauch gebunden hatte und den Blick auf ihre Jeans oberhalb der Kniegegend freigab, stellte mir den Teller mit der halben, goldgelben Hühnerhälfte hin und reichte das Besteck in einer roten Serviette eingewickelt, eilig nach. „Guten Appetit“ vernahm ich noch aus Ihrem Mund, der sich kurz nach der Aussprache zu einem Lächeln verzog. Noch während ich das Papiertuch von dem Essbesteck rollte, kam die nächste Salve Fragen aus Meikes Mund auf mich zu: „Nun sag doch mal, was ist es denn, ist es weich oder hart?“ Mir war klar, dass es noch weitere Fragen an diesem Abend geben würde, alle nur mit dem Hintergrund, mir Informationen über dieses ominöse Weihnachtsgeschenk zu Entlocken, welches ich noch nicht gekauft hatte. „Jetzt habe ich Hunger und muss erst einmal etwas essen, bevor das kalt wird.“ war meine Antwort, die mir etwas Ruhe und Zeit verschaffen sollte. Und natürlich jetzt besann ich mich auf meine gute Kinderstube und wollte mich zu keiner Äußerung mehr hinreißen lassen, bis ich jede Fleischfaser des beliebtesten, einbeinigen, deutschen Haustieres aus dem letzten Winkel meines Mundes hinunter geschluckt hatte. Ich fing sofort nach dem Auswicklungsvorgang an, ein nicht mehr ganz so frisches Salatblatt auf die Gabel zu spießen und mir ohne Umwege und den geöffneten Mund zu stecken, nur damit keine Worte mehr über meine Lippen kommen mussten. Krampfhaft versuchte ich mich vorbeugend an die auf der Speisekarte aufgelisteten Desserts zu erinnern, es kann ja nie schaden, bei wiedereinsetzenden Fragen noch etwas in der Hinterhand zu haben, wie eine Nachtischbesetellung zum Beispiel. Der Verzehr des toten Geflügels war nicht unbedingt ein Genuss, was jetzt nicht an dem Geschmack lag, oder an der Zubereitung, sondern eher auf die permanent auf mich einprasselnden Fragen, nach Form, Größe, Gewicht, Güte und Aussehen eines noch nicht gekauften Weihnachtsgeschenkes. Mit abwechselndem Kopfschütteln oder Nicken, unterbrochen von einem gelegendlichem Grunzen, der eher unzufriedener Art, prägten meine abendliche Nahrungsaufnahme. Kein schönes Erlebnis, etwas Stil beim Essen sollte schon sein, auch wenn es nur eine Bierkneipe ist. Es war nicht daran zu denken, der unaufhörlich Schwall der eingehenden Fragen verdarb mir die Laune für den Rest des Abends. Ein gelogenes: „so, ich bin jetzt müde und muss morgen fürh raus“ mit einem sofort nachgeschobenen „Außerdem hatte ich gerade eine Idee, wie ich dein Geschenk einpacken könnte!“ verschaffte mir einen glanzlosen Abschied mit vielen, quälenden Gedanken im Kopf.

Es musste ein Lösung her, eine, die mir nie wieder, diesen Fragenkatalog einbringen würde, besser noch, etwas, was die Lust auf Weihnachtsgeschenke von mir ein für alle Mal im Keim ersticken würde. Die Menge muss stimmen, die Größe auch, wobei hier die Maxime galt, je größer, desto besser. Diese Formel sollte sich auch leicht umgewandelt auf das Gewicht beziehen. Egal was es ist, es muss nach Viel und schwer aussehen, Volumen das muss es sein, nur nichts mit Luftpolstern oder die damals üblichen Verpackungschips. Letztere höchsten um die mit Sicherheit erfolgenden Schüttelversuche im Keim zu ersticken, das Paket durfte keine Informationen nach Außen geben!

Nach einigen Tagen hatte ich die Lösung, einen großen Karton von einem Lebensmittldiscounter, knapp unter dem Volumen einer Bananenkiste aus Pappe. Die Post hatte ja damals noch Maß- und Gewichtsbeschränkungen an die sich zu halten war, sonst war eine Beförderung ausgeschlossen und das Paket sollte ja zur Heilung der zweifelsfrei vorhandenen Neugier nicht kurz vor der Bescherung eintreffen, sondern schon ein paar Tage vorher, damit es aufgebahrt werden konnte, an der richtigen Stelle unter dem geschmückten Baum. Vorfreude ist einfach die beste Freude, so mein Motto. In einer Mittagspause der kommenden Tage machte ich mich auf um in der vorweihnachtlichen Hölle in einem Konsumtempel, der noch den Charme eines längst untergegangenen Landes versprühte, mein Glück zu versuchen, etwas passendes zu finden. Nach ziellosen Streifzügen durch die unterschiedlichsten Abteilungen und zweimaligen kostenlosen Parfumtest, natürlich Herrendüfte, sollte ja für mich sein, wurde ich in der Spielzugabteilung endlich fündig. Gesellschaftsspiel, so meine Eingebung, falls der Abend zwischen gesungenem Liedgut und Feuerzangenbowle in der Langenweile zu versinken drohte, dann kam mein Spiel zur zugedachten Aufgabe und hatte hoffentlich eine Aufheiterung des Abend in Ostfriesland zur Folge.

Es ergab sich nur ein Problem, so ein Spiel ist etwas leicht, das Volumen war ja ok, in den schon organisierten Karton passte es auch, nur da waren noch Lücken, die wollten ausgefüllt werden. Also erging meine Anweisung an unsere Empfangsdame, doch mit dem Verpackungskarton einmal in den Raum mit den Werbeartikeln zu gehen, über all reinzugreifen und großzügig aufzufüllen. Dann vielleicht noch ein Schreibblockset zur Erhöhung des Paketgewichts und ich war mit dem mir unfreiwilligen aufs Auge gedrückten Geschenkestress durch. „Wenn Sie die Werbegeschenke im Paket haben, bitte den Karton noch nicht zukleben, vielleicht muss da noch etwas rein.“ meine unmissverständliche Anweisung. „Am besten Sie wiegen das vorher noch einmal“ schob ich hinterher. Stunden später kam ich zur Paketkontrolle und frage nach dem Gewicht der Geschenksendung. „Gute fünf Kilo“ bekam ich zu hören, was ich mit einem „zu leicht“ erwiederte. „Da muss noch etwas hinein“ befand ich, mindestens ein Kilo. Nehmens doch einfach eine altes Branchenbuch, sauber weihnachtliches Geschenkpapier drum und rein damit, das sollte dann reichen.“ so meine erneute Weisung. Gesagt getan, Karton zu und großzügig mit Paketpapier umwickelt. Den Adressaufkleber fein säuberlich mit Schreibmaschine ausfüllen lassen und jetzt nur noch zur Post damit, zehn Tage vor dem Familienfest mit Geschenkwahnsinn.

Etwas fehlte aber noch, die persönlich Note, die dem Paket eindeutig meine Handschrift verpasste. Kurz nachgedacht, und auf dem Weg zur Post fiel mir die Lösung ein. Wenn so ein verlockendes, aber noch ungeföffnetes Paket so unbewacht unter dem Baum liegt, ist die Verlockung groß, es vielleicht an einer Ecke zu öffnen, ein kleines Loch zu bohren, und einen Fingen hineinzustecken, groß, Noch größer wird die Versuchung dann, wenn der Finger zu keinem Ergebnis kommt, weitete sich das Loch dann nicht zu eine Handgröße aus in dem dann auch noch etwas Arm, sagen wir bis zum Ellenbogen hineinpasst, aus? Diesem Risiko musste ich begegnen, mit Aufklebern, dass Stück zu eine Mark (damals gab es ja noch richtiges Geld). Am besten, ich versah jede Paketseite mit einem solcher Aufkleber, auf denen stand, das diese Post erst am heiligen Abend zu öffnen ist, sicherheitshalber versah ich die Frontseite der Sendung mit zwei Aufklebern, was meine Rechnung bei der Post nochmals um sieben Mark erhöhte, aber es ist ja nur einmal Weihnachten im Jahr, das musste ich also durch. Zwei Tage später war es angekommen und wurde von der Mutter in Empfang genommen und wie ich später erfuhr sicher versteckt um es vor neugierigen Zugriffen zu schützen, das für die verbleibenden Tage bis zum Fest.

Zwei Tage nach der Warteorgie auf dem Postamt (die hießen ja damals noch so) ereilte mich ein Anruf auf meinem Handy, dass sind diese Dinger, die man mal zu telefonieren benutzt hat, SMS oder gar WhatsApp gab es ja noch nicht, wobei SMS schon, aber die Nutzung steckte noch in den Kinderschuhen. Es war halt eine Zeit, da wurde noch miteinander gesprochen, also richtig in Worten, oft sogar noch persönlich mit Augenkontakt, naja, letztes Jahrtausend eben.

Das Paket ist angekommen, danke schon mal. Meine Mutter verrät mir nicht, wie groß und wie scher das ist und schütteln will sie es auch nicht“ klang es traurig aus dem Lautsprecher im oberen Telefonteil. „Ihr seit alle immer so gemein zu mir, jetzt muss ich bis Weihnachten warten!“ diesen Sätzen folgten dann die üblichen Fragen, nach Art, Größe Gewicht, Zustand und Volumen, wie eigentlich an jedem Abend, wenn wir uns sahen. Da hatte ich mir in den letzten Tagen angewöhnt, meine Ohren auf Durchzug zu stellen, solche Fragen empfand ich zwar als nervig, aber sonst reifen sie keinerlei Reaktionen mehr in mir hervor.

Es kam der Heiligabend, ich dachte schon gar nicht mehr an das Geschenkpaket, ich war mehr damit beschäftigt ein offenes Restaurant zu finden, um mir das Abendessen mit einem Freund schmecken zu lassen, am besten eins, was nicht die übliche Musik der letzten Wochen spielte, sondern etwas Rockiges, oder Poppiges. Diesen Abend noch überstehen und die nächsten zwei Tage, dann war der Spuk wieder vorbei und ich hatte ein Jahr Ruhe vor dem ganzen Weihnachtsgedöns, nicht ganz, aber gute zehneinhalb Monate.

Was mir aber bei den ganzen Vorbereitungen nicht bewusst war, dass sich an diesem Abend den jahrelang eingespielten Familienritualen einer ostfriesischen Familie so durcheinanderbrachte, dass es für sie ein einmaliger Abend werden sollte, stellte sich erst am nächsten Morgen heraus, früher als es mir lieb war. Als ich meinen Bekannten zum Essen abholte, hatte ich das mobile Telefon zu Hause gelassen, denn es gab je noch keinen der einem SMS schrieb oder gar eine Nachricht über WhatsApp und die vielen Selfis vor leuchtenden Weihnachtsbäumen waren ja auch noch nicht erfunden. Aber da gab es mal eine Sache mit einem Branchenbuch, wie die gelben Seiten noch in den siebziger Jahren hießen. Ein TV-Show die noch nicht Stunden überzogen wurde, sonder ein pünktliches Ende fand. In dieser Show, von einem netten Holländer moderiert, spielte das Auskunftsbuch eine besondere Rolle. Es liefen vierzig Gegenstände vor dem Gewinner auf einem Band vorbei, die Sendung hieß ja auch „das laufende Band“. Jeden Gegenstand der sich gemerkt, und korrekt wiedergegeben wurde, wechselte den Besitz, von der öffentlich- rechtlichen TV Anstalt zum Sieger der Spielrunden. Es waren jedes mal unterschiedliche Gegenstände, aber einer war immer gleich, das war das Branchenbuch, die gelben Seiten.

Nächsten Morgen, ich war noch mit dem süßen Schlummern beschäftigt, der Wecker war aus und ich drehte mich noch einmal von Links auf Rechts, klingelte das Telefon. Es war noch nicht hell, selbst der Dämmerungszustand hatte noch nicht eingesetzt, also irgendwas zwischen unchristlich und viel zu früh, also zwischen sieben und halb acht. Damals hatten die Mobiltelefone eine etwas längere Akkulaufzeit. Es reichte bei mittelmäßiger Nutzung, diese zweimal die Woche aufzuladen um für den Rest der Welt erreichbar zu sein. Das es selbstverständlich nicht in dem Raum lag, wo geschlafen wurde, verstand sich von selbst, jeder glaubte noch, dass diese unsichtbaren Strahlen Schäden an Körper und Seele verursachen könnten. Nach drei- oder viermaligen Klingeln quälte ich mich aus meinem Bett um mürrisch das Telefon zu suchen, es zu finden und die Hörmuschel nach oben zu schieben, was automatisch bedeutete, den Anruf anzunehmen. „Moin“ hallte es mir ins rechte Ohr. „Danke für das Paket, es ist angekommen, aber ich habe da was nicht verstanden. Was sollte das mit dem Branchenbuch?“ sagte das Telefon zu mir. Jetzt war ich entlarvt, nun musste ich die Wahrheit auf den weihnachtlichen Tisch legen, beichten, dass ich es nur zur Optimierung des Gewichts habe verpacken lassen und in das Paket eingefügt habe. Es hatte keinen weiteren Zweck, keine weiter Bestimmung, es war einfach nur gewichtsbringendes Altpapier, nicht mehr, nicht weniger. „Echt mal, da haben wir bestimmt was übersehen, den versteckten Hinweis, auf welcher Seite hast Du den denn versteckt? Welche Branche ist es denn, etwas Immobilien?“ In der ersten Folge der erwähnten Fernsehsendung tippte der Gewinner auf „I“ und bekam von Radio Bremen ein Grundstück in seinem Heimatort gesponsort, was zu vielen Verwicklungen geführt hat, weil es ja aus Gebühren der Allgemeinheit finanziert wurde. Die Leute waren damals ja so naiv, das sich sich eine Bankenrettung mir vielen Milliarden nicht vorstellen konnten. Ebenfalls gab es in den siebziger Jahren ja noch große Samstagsabendshows, die einen nicht unerheblichen Marktanteil beim Publikum von deutlich über 50% hatten. „Ich bin gar nicht zum auspacken meiner Geschenke gekommen, ich habe sofort das Telefonbuch durchsucht, aber nichts gefunden. Als ich durch war, hat mein Bruder sich das Buch geschnappt und druchegeblättert, aber auch nichts gefunden, dann meine Eltern, jeder für sich, da war es schon fast Mitternacht und wir haben immer noch nichts gefunden. Zum Schluss haben wir alle zusammen auf dem Sofa gesessen und noch einmal geschaut und wieder nichts gefunden, dann bin ich in Bett gegangen!“ Dieser Satz fast ohne Pause zwischen den Worten vertrieb langsam meine Müdigkeit und verursachte eine leichtes Grinsen am Morgen. „Och nix.“ so meine Antwort, „ich weiß ja, das du sehr neugierig bist und das Paket bestimmt mehrmals angehoben und geschüttelt hast, als es dort schon Tage vorher unter dem Weihnachtsbaum lag. Das arme Buch hatte nur die Aufgabe, etwas mehr Gewicht in das Paket zu bringen, sonst hatte es keine Aufgabe.“ In meine Fantasie lief der Film von einer neugierigen ostfriesischen Familie, die in seltener Eintracht auf dem Sofa sitzend einem Branchenbuch aus Dresden blättert um dem armen Ding auch nur einen Hauch von Information abzuringen, Hinweise auf eine Weihnachtsgeschenk, das es nicht gab. Nun muss jeder wissen, dass die gelben Seiten aus dem Jahr 1992 nur ca. 250 Seiten hatte. Mein Gedanke, ich hätte das von Köln genommen, oder das Münchner, oder gar, wegen der räumlichen Nähe das aus Berlin, mit einem Vielfachen der Seiten, veranlasste mich zum lauten Loslachen! „Na toll“ krächzte es aus dem Telefon, „Ich gehe jetzt erst einmal frühstücken“ und schon war das auflegende Knacken zu hören.

Vielleicht hatte ich nicht das teuerste, oder das größte, schönste oder ausgefallenste Geschenk gemacht. Eher ein einfaches, kaum zu erwähnendes, aber ich habe es geschafft, dass diese Familie einträchtig und harmonisch auf dem Familiensofa gesessen hat um gemeinsam ein paar Jahre altes Dresdner Branchenbuch gründlich zu lesen und das zum heiligen Abend.

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