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Keine Lust und Tür auf

Es ist wahr, als mich in den trüben Maihimmel am Sonntag Morgen blickte und nebenbei nach dem Programm für die Galeriemeile Gelsenkirchen Ückendorf suchte, war bei mir eine gewisse Unlust zu spüren. Steckte mir der Fußmarsch vom Vortag zum Nordsternparkfest noch in den Knochen, oder war es die seit Wochen anhaltende Schlechtwetterfront mit niedrigen, dem Wonnemonat Mai nicht würdigen Temperaturen und kalten Winden? Ich weiß Es nicht mehr. Aber dennoch habe ich es geschafft, die Kamera samt Zubehör zu packen und mich kurz vor dem Mittag auf den Weg ins nahe gelegene Gelsenkirchen zu machen.

c/o raum
c/o raum

Meine Laune verbesserte sich nicht unbedingt, als ich merkte, dass der von mir eingeschlagene Fußweg zum Künstlerdorf Halfmannshof versperrt war, obwohl der Kartendienst von Google etwas anderes zeigte. Kurzerhand beschloss ich, dann doch den direkten Weg nach Ückendorf zu nehmen und mich nicht in der städtischen Künstlerkolonie blicken zu lassen. Startpunkt sollte in diesem Jahr die Bochumer Straße 109 sein, ein Haus der Stadt, welches Künstlern zur Galeriemeile immer geöffnet und zur Verfügung gestellt wird. Dieses Jahr stellten auch drei neue Künstler in dem Objekt über zwei Etagen aus. Für Abwechslung war also schon einmal gesorgt. Meine Laune verbesserte sich auch zusehends, beim Betrachten der unterschiedlichen Werke. Besonders angetan haben es mir die Exponate einer jungen, geflohenen afghanischen Künstlerin, Tahmina Tomyris. Beim Betrachten der Bilder wurde mir klar, warum Menschen ihre Heimat verlassen, um in einem fremden Land, auf einem ganz anderen Kontinent ihr weiteres Leben bestreiten möchten.

Der Mensch, eingesperrt in Träumen und Fiktionen, ist dabei einer gigantischen Qual ausgesetzt, wie der paradoxe Charakter dieser Bilder: Frauen im Schleier verhüllt, aber in Wahrheit doch ohne Schleier, gläubige Frauen, aber doch frech und laziv. Frauen, die durch ihr Geschlecht verloren gegangen sind, dennoch ihr verstecktes zeigen. Und Männer, die sich so benehmen, als ob sie nichts wahrgenommen haben, die aber nicht anderes zu tun haben als diese Frauen zu beobachten. Die in diesen Bildern mit nachdrücklicher Mine sitzenden Frauen träumen einen tiefen Traum, in dem sie eigentlich gestorben sind. Tahmina Tomyris über ihre Ausstellung

Die von mir geschätzte Kutschenwerkstatt wieder geschlossen, zum zweiten Mal in Folge. Dafür gab es in der Bochumer Straße 134, 138 und 140 gleich drei neue Möglichkeiten Kunst zu sehen. In der 134, dem Exodus stellten Godana Krawanke, Yasemin Küttel und ihre Werke aus. Die Räumlichkeiten des Exodus waren in ganz ferner Zeit einmal ein kleines Theater, dann eine Diskothek und werden heute als Raum für Feiern aller Art von einem Restaurant genutzt. Frau Krawanke machte sich künstlerische Gedanken um das „Amerika first“, Yasemin Küttel liefert orientalische Kunst mit sehr viel Handarbeit ab und bestach durch Skulpturen und Fotografien. Meine Verweildauer stieg an und es ergaben sich umfangreiche Gespräche über dies und das, über Techniken und deren Umsetzung. Ein Flyer mit dem Hinweis auf die Fete de la Soup am folgenden Wochenende mit dem Hinweis auf den Metropolengarten in Rotthausen wurde mir auch noch als dezenter Hinweis in die Hand gedrückt.

Weiter ging mit ein paar Schritten zur 140, hier waren die Wände weis und die Räumlichkeiten entpuppten sich als ein alte Metzgerei, mit Wandbeleuchtung hinter dunklen Holzelementen mit orangefarbenen Kacheln aus den 70ern Jahren verziert, eine sehr interessante Form der Darbietung bizarr-schönen Kontrasten. Hier stellten Carola Bolous, Anita Beyer, Brigitte Boecker-Miller, Heidi Czapp, Angelika Heimann, Ute Krakau, Arnhild Koppel, Ursula Marks, Eveline Rogowsky, Peter Wallmeier, allesamt als Kreative aus der Kunststation Rheinelbe und Schüler*innen von Mauß bekannt.

Tahmina Tomyris über ihre Ausstellung

Meine letzte Station auf der Bochumer, war in einer stillgelegten Kneipe, den Einheimischen auch unter dem Namen „Mystik“ bekannt. Alte, dunkle Holzvertäfelungen bildeten den Hintergrund für die farbigen Bilder von Christoph Lammert. Der Tabakgeruch längst vergangener Zeiten schien noch in der Luft zu wabern, die noch vorhandenen Gläser warteten frisch poliert darauf aus dem Regal genommen zu werden, von jemandem, der sie gekonnt unter den gerade geöffneten Zapfhahn hält um sie einem Kunstinteressierten zum Betrachten der Bilder mit einer Krone aus Gerstensaft in die Hand zu drücken. Die Räumlichkeiten wirkten so, als wenn hier am Samstag Abend noch ein Preisskat stattgefunden hätte, dabei standen sie schon einige Zeit leer. Trilogien gab es hier zu sehen, in kräftigen Farben und kleine, gerahmte Bilder. Nur der Sparkasten mit den vergilbten Nummern war nicht mehr zu finden, was ich sehr bedauerte.

Weiter ging es in die mir bestens bekannten Räumlichkeiten, Artdepot von Renate Brändlein wurde als nächster Punkt angesteuert. Auch hier konnte ich wieder viele neue Werke in Augenschein nehmen. Skulpturen und kleine Bilder wurden seit dem letzten Mal neu erschaffen. Ein Gepräch mit der Künstlerin rundete den Besuch ab und ich machte mich auf, um meine Nase in co-raum zu halten. Viel Kunst wie in den anderen kleinen Galerien und Ausstellungsräumen gab es hier nicht zu sehen, dafür wurde als willkommene Abwechslung Musik geboten, von Hand gemacht. Auch das Konzept des c/o-raumes wurde mir erläutert und überzeugte mich. Es klingt sehr interessant und stzt sich hoffentlich langfristig durch. Meine Tour ging weiter und führte mich zu Roman Pilgrim, welcher ebenfalls mit neuen Werken aufwartete. Sein Thema: „Just the Idea of Love“ so sein Motto. Dann noch kurz gegenüber reingeschaut zum Bund Gelsenkirchner Künstler.

Als vorletzte Station, zugegeben sie liegt etwas versteckt, hatte ich mir das Atelier von Susanne Zagorni vorgenommen. Versteckt deshalb, weil die Spiechernstraße etwas abseits der eigentlichen Meile liegt und ich bislang immer den Weg dorthin gescheut habe. Der Charme dieser kleinen Galerietour in Gelsenkirchen Ückendorf liegt für mich in den unterschiedlichen Ausstellungsräumen, die neben konstanten Anlaufpunkten immer wieder neue und Interessante Orte hervorbringen und es so nicht langweilig werden lassen. Es gibt immer wieder viele Gelegenheiten für Neuentdeckungen und Gespräche, es ist Zeit für verschiedene Sichtweisen und Blicke auf die gezeigte Kunst. Die zahl der Besucher hält sich in Grenzen, vielleicht zum Leidwesen der Künstler, aber für mich als Betrachter ist die Situation optimal, da ich dem oft vorherrschenden Gedränge aus dem Weg gehen kann. Aber zurück zu Frau Zagorni. Ein sehr schönes Atelier mit noch schöneren Bildern, hell und freundlich wirkt diese Galerie, ehemals ein kleiner Lebensmittelladen mit einem großem und einem kleinen Raum. Ein Schaufenster auf der Straßenseite und die Glasbaustein auf der Rückseite lassen viel Licht hinein und die angebrachte Beleuchtung lässt gerade den großen Raum sehr hell und freundlich wirken. Die Werke von Susanne Zagorni wirkten auf mich frabenfroh mit einer gewissen Verspieltheit, besonders die großformatigen Bilder. Was für mich auch immer wieder erstaunlich ist, wenn ich mit den unterschiedlichen Künstlern spreche, welche Motivation, welcher Antrieb hinter den einzelnen Bildern oder Werken steckt. Insgesamt ein großer Rund-Um-Wohlfühl-Paket in diesen Räumen.

Als letztes und schon fast am Bahnhof, stand die kleine Galerie vom Ehepaar Eckle auf meiner Tourliste. Das Stichwort lautete „Chimären“ umgesetzt von Idur in Fotografien und Isebill in Bildern und Skulpturen. Eine Galerie wo ich mich erfahrungsgemäß auch immer sehr lange aufhalte, nicht nur wegen der Kunstwerke, auch bei dem von mir eingeworfenen Diskussionspunkt Prüderie, denn es kam mir als Fazit der Tür auf 17 so vor, als wenn die Künstler wieder mehr mit gezeigter Haut, teilweise als Akt, arbeiten würden, dieses aber im Gegensatz zu meinen Beobachtungen im realen Leben stehen.

Und das Fazit des Nachmittags: Manchmal lohnt es sich doch bei Unlust aufzuraffen und loszugehen um viel Neues im Ruhrpott zu entdecken..

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